Und immer wieder Biedermann

Biedermann und die Brandstifter, ein beliebtes Drama bei den Deutschlehrern. Wahrscheinlich, weil es von Max Frisch so angelegt wurde, dass es immer wieder neu interpretiert und auf politische und gesellschaftliche Themen übertragen werden kann. Denn in dem Stück erschleichen sich insgesamt drei Brandstifter einen Platz auf dem Dachboden des Geschäftsmanns Gottlieb Biedermann. Da sie seine Schwächen kennen, schaffen sie es, dass er sie bleiben lässt, obwohl es immer deutlicher wird, dass sie Brandstifter sind. Immer wieder biedert er sich an, in der Hoffnung, er bliebe verschont. Doch am Schluss gibt er ihnen die Streichhölzer, mit deren Hilfe die ganze Stadt vernichtet wird, während der Chor der Feuerwehrmänner zu Untätigkeit verdammt ist, obwohl er immer wieder versucht, einzugreifen.

Nachdem das „Nachspiel in der Hölle“ einige Zeit nach der Uraufführung im Jahr 1958 veröffentlicht wurde, übertrugen viele die Geschichte auf das besiegte „Nazideutschland“. 34 Jahre zuvor, 1924, kam Hitlers Buch „Mein Kampf“ in die Buchläden. Darin hetzte er gegen die Juden, sagt er handle nur „im Sinne des allmächtigen Schöpfers“. Doch wer nahm Hitler ernst? Ihn und Goebbels, der die Demokratie in der Zeitung „Der Angriff“ 1928 als dumm bezeichnete? Kaum einer! Denn es ist genauso, wie es dem Brandstifter „Eisenring“ von seinem „Schöpfer“ in den Mund gelegt wird: „Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität. […] Aber die beste und sicherste Tarnung (finde ich) ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand.“ So wie Biedermann dem Brandstifter nicht glaubt, so glaubte die Mehrheit, dass Hitler seine volksaufhetzerischen Aussagen ernst meinte. Die Welt wollte nicht an Massendeportationen und Gefangenenlager glauben, geschweige denn an einen zweiten Weltkrieg, sagte der SPD Politiker Herbert Weichmann 1973 über das Stillhalten vieler Politiker, in und außerhalb der Weimarer Republik. Wie ungläubig die Welt doch war! Wie überrascht die Mehrheit reagierte, als es Judensterne gab, wie schockierend es war, als Andersgläubige oder Andersdenkende einfach weggebracht und teilweise nie wiedergesehen wurden. Und was haben die Politiker der Welt dagegen unternommen? Nichts, sie wollten es einfach nicht wahrhaben. Sie haben gehofft, dass sich Hitler mit ein paar Gebieten auf der anderen Seite zufrieden geben wird und keinen Gedanken an einen weiteren Weltkrieg verschwendet. Die meisten Menschen, die damals lebten, erinnern an Gottlieb Biedermann. Wie er biederten sich die Politiker zur Zeit Hitlers dem Feind an, hofften, dass er dann ihr Gebiet, sei es Haus oder Land, verschont lässt. Sie rechneten nicht mit der Unbestechlichkeit des Eindringlings, der jede Schwäche kannte und gnadenlos ausnutzte. Der dafür sorgte, dass Schrecken die Welt beherrschte und Menschen mit angehaltenem Atem in ihren Häusern sitzen und den Nachrichten lauschten, in der Hoffnung, alles würde sich zum Besseren ändern. In der Hoffnung, sie würden gerettet werden. In der Hoffnung, die Alliierten würden gewinnen und sie könnten aus ihren Verstecken kommen, ohne Angst zu haben, gefangen genommen zu werden, wie es während dem zweiten Weltkrieg bei den Juden und Gegnern Hitlers der Fall war.

Es scheint paradox, dass wir Ähnliches jetzt in den Vereinigten Staaten von Amerika beobachten können. Niemand glaubte, dass Trump den Vorwahlkampf gewinnen würde. Keiner hatte wirklich damit gerechnet, dass dieser Populist Präsident werden könnte. Der Mann, der ins Weiße Haus eingezogen ist, wurde von Anfang an als Clown betitelt. Schon alleine wegen seiner Aussagen, wenn er zum Beispiel von Holland als schöner Stadt oder von der Erfindung des Klimawandels sprach. Doch auch wegen der Ungläubigkeit der Menschen, dass er es auch nur annährend in den Wahlkampf schaffen würde mit kaum Erfahrung in der Politik und seinen Aussagen, die sich immer wieder widersprochen haben. Jedoch hat er das Unmögliche möglich gemacht. Spätestens seit der (ehemalige) Geschäftsmann jedem vor Augen geführt hat, dass er nicht von seinen Plänen, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen oder illegale Einwanderer abzuschieben, abrücken wird, wächst die Gewissheit, dass seine Pläne nicht nur heiße Luft waren. Er setzt sie um. Während seine Anhänger ihn bejubeln, sehen seine Kritiker die Schwierigkeiten, die seine Vorhaben beherbergen. Unglaublich hohe Kosten, die Sorge um mexikanischen Kinder und arme Menschen in Mexiko überschatten eine ganze Nation. Und nein, dieser Schatten kommt nicht nur von der ungefähr sieben Meter hohen Mauer an der Grenze zu Mexiko, die wahrscheinlich nicht den gewünschten Effekt erzielen wird, weil viele der Einwanderer mit Flugzeugen und Touristenvisa in die USA kommen und dann untertauchen. Manche wollen auch nur ein paar Jahre in den USA bleiben und dann möglichst unbemerkt wieder in ihre Heimat zurückkehren, was durch eine Mauer verhindert werden könnte. Paradoxe Vorstellungen, die im absoluten Gegensatz zu den Zielen des Präsidenten stehen. Doch vielleicht will Trump sich mit dem Bau seiner Mauer nur in das Gedächtnis der Menschen einbrennen und seine Einstellung für alle sichtbar demonstrieren. Auch das Dekret, um die USA vor Terror zu schützen, weckt Skepsis. Denn unterschreibt ein Präsident, der sich vor seiner Amtszeit mehrfach rassistisch geäußert hatte, ein Dekret, das Menschen aus muslimisch geprägten Ländern aus einem Land fernhält, nur um die Bevölkerung vor Terroranschlägen zu schützen? Könnten wir in seinen Kopf schauen, wüssten wir die Wahrheit. Doch das ist nicht möglich. Wir können uns nur fragen: Ist ein Mann, der geistige Brandstiftung betreibt, der Menschen gegen einzelne Völkergruppen aufhetzt und das scheinbar ohne einen richtigen Grund, sei es wegen ihrer Herkunft oder wegen ihres Glaubens, ein geeignetes Staatsoberhaupt?  Ein Mann, der sich immer wieder, sei es implizit oder explizit, rassistisch, frauenfeindlich und abwertend gegenüber anderen Politkern und Andersdenkender äußert, anders als ein gutes Staatsoberhaupt, das das Wohl aller im Kopf hat? Der seinen Mitmenschen Gedanken in den Kopf setzt, die absurd erscheinen und sich dennoch ausbreiten wie eine Feuerbrunst? Wir werden sehen. Ebenso werden wir sehen, ob er es weiterhin als sein „souveränes Vorrecht“ sieht, Menschen aus den Vereinigten Staaten von Amerika auszuschließen. Vielleicht sehen wir, anders als Biedermann, die Bedrohung auf uns kommen und haben den Mut uns zu wehren. Wozu wir dank der Stärke der Demokratie und den Möglichkeiten, die wir wegen unseres Rechtssystems haben, die Chance haben. Vielleicht schaffen wir es, den Brand im Notfall aufzuhalten und sind nicht zur Untätigkeit verbannt wie der Chor. Doch das alles liegt noch in der Zukunft und bis dahin müssen wir die Kommunikation zu den anderen Staaten suchen, ehrlich sein und vielleicht auch mal ein bisschen hoffen dürfen. Gleichzeitig sollten wir unseren Politikern mehr vertrauen und uns friedlich für unsere Wünsche einsetzen.