„Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ – alles nur ein Slogan?

Seit dem Sommer 2016 trägt das Hans-Sachs-Gymnasium den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Bis man diese offizielle Auszeichnung, auf welche unter anderem am Eingang unserer Schule eine Plakette hinweist, erhielt, war es ein langer Weg. Aber was genau steckt hinter diesem Motto? Sind wir tatsächlich eine Schule ohne Rassismus? Oder sind das alles nur „leere Worte“, die dem Image des HSG dienlich sein sollen? Wer sind die Leute, die sich unter diesem Titel treffen, und was machen sie?

Diese und viele weitere Fragen stellen sich, liest man diesen Slogan. Doch dass da viel mehr dahintersteht, wissen die wenigsten. Um das zu ändern, führte der Schülerflash ein Interview mit dem Organisator der Gruppe an unserer Schule, Martin Lehnerer.

Schülerflash: Herr Lehnerer, der Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ (kurz SOR-SMC) wurde unserer Schule offiziell am Sommerfest vor zwei Jahren verliehen. Was genau bedeutet das für uns?

Herr Lehnerer: Zuerst einmal: Dieser Titel ist nur ein „Lippenbekenntnis“, die konkrete Umsetzung macht dann den Mehrwert für unsere Schule und Gesellschaft aus. Unsere SMV hat sich für diesen Titel erfolgreich beworben und musste dafür Unterschriften von Schülerinnen, Schülern und dem Lehrerkollegium sammeln, denn dieser Titel ist der Eintritt in das größte Schulnetzwerk Deutschlands. Wesentlich beteiligt war daran auch Frau Isabel Müller. Das beinhaltet Unterrichtsmaterial, gemeinsame Tischrunden und Fortbildungen – auch auf Bundes- und Landesebenen. Regional starten die Nürnberger Schulen des SOR-SMC-Netzwerk unter anderem alle zwei Jahre die sog. „Woche gegen Rassismus“ und gemeinsame Aktionen gegen Diskriminierung. Mittlerweile ist übrigens die große Mehrheit der Schulen in Deutschland in diesem Netzwerk dabei – allerdings mit unterschiedlich starkem Engagement. Unser Pate Arif Tasdelen hat uns beim Sommerfest offiziell in das Netzwerk aufgenommen und uns ermutigt, als Schule teilzuhaben. Dass wir es tatsächlich geschafft haben, ist auch maßgeblich Frau Isabel Müller zuzuschreiben – sie hat sich sehr darum bemüht.

Schülerflash: Wie hat sich diese Gruppe, die jetzt an unserer Schule hinter diesem Titel steht, zusammengefunden?

Lehnerer: Von Seiten der LehrerInnen gibt es eine Gruppe, die sich regelmäßig mit dem Ziel trifft, die Idee hinter SOR-SMC in unserer Schule aktiv zu integrieren. Letzten Endes sind aber alle Aktionen und Tätigkeiten, bei denen Mitglieder unserer Schulgemeinschaft etwas für Gerechtigkeit, Offenheit, Demokratie und Gleichberechtigung tun Teil unserer Arbeit als gesamte Schule.

Schülerflash: Das heißt, es darf jeder einfach so mitmachen?

Lehnerer: Grundsätzlich ja. Die Idee basiert darauf, dass alle Mitglieder der Schulgemeinschaft, also SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern, die Ideen und Werte unserer Gemeinschaft weitertragen. Wir haben auch schon Kontakt zu den Eltern aufgenommen und werden in diesem Schuljahr eine direkte Einbindung der Eltern anstreben. Das wird auf jeden Fall spannend und ein ganz wichtiger Schritt. Aktuell läuft von Seiten der SchülerInnen ein P-Seminar, das an unserer Schule verschiedene Aktionen plant.

Schülerflash: „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ spricht ja offensichtlich das Thema Diskriminierung an und wie wir damit umgehen. Wo findet man an unserer Schule denn konkret Diskriminierung?

Lehnerer: Ich denke, dass Diskriminierung im Alltag zum Teil bewusst oder unbewusst stattfindet. Betroffene Schüler können zum Beispiel aufgrund der finanziellen Situation ihrer Familie nicht an Bildungsangeboten teilnehmen, erhalten weniger Unterstützung oder Hilfe. Das zeigt sich schon im Thema Nachhilfe: Einige SchülerInnen können einfach keine guten Nachhilfelehrer bezahlen. Diese sind dann ganz klar benachteiligt gegenüber denen, die sich das eben schon leisten können. Andere werden aufgrund ihrer Kleidung oder ihres Verhaltens ausgegrenzt. Herkunft, Religion oder Lebensweise zählen da genauso dazu. Da ist es nur noch ein kurzer Weg zur Diskriminierung. Auch Lehrkräften kann es passieren, dass sie oft unbewusst durch Pauschalisierungen oder Kommentare Kinder auf ihre Herkunft, ihr Geschlecht oder andere Eigenschaften reduzieren und sie somit in Schubladen stecken. Im schlimmsten Fall hängt da die Note mit dran.

Schülerflash: Diskriminierung liegt hier in jedem Fall vor, wenn Menschen einander nicht mit Respekt begegnen. Was kann ich als Schüler tun, wenn ich merke, dass jemand in meinem Umfeld schlecht behandelt oder sogar benachteiligt wird? An wen kann ich mich wenden?

Lehnerer: Intern haben wir mit Streitschlichtern und schulpsychologischen Angeboten sowie Vertrauenslehrern bereits Anlaufstellen für Betroffene. Wichtig ist, dass man Diskriminierung benennt und offenlegt – und die ermutigt, die davon betroffen sind.

Es gibt allerdings noch eine zweite Form von Diskriminierung, die nicht sofort offensichtlich ist und deutlich schwerer zu bekämpfen:

Jedes Mitglied unserer Schule ist in ein globales System der Ausbeutung hineingeboren. Den Wohlstand, den wir hier erleben, basiert darauf, dass anderswo auf der Welt Menschen ausgebeutet werden. Das geschieht durch internationale Verträge, die den Menschen in den betroffenen Ländern (hauptsächlich Afrika und Asien) keine Möglichkeit geben, sich selbst ein sicheres und wohlhabendes Leben aufzubauen. Das beginnt bei den Produktionsbedingungen, unter denen Menschen unsere Konsumartikel produzieren, und reicht von der Ausbeutung der Ressourcen für unser Essen und die schönen neuen Produkte, die wir uns leisten, bis hin zu Pflegepersonal, das unterbezahlt unsere Alten und Kranken betreut. Auch diejenigen, die unseren Müll zerlegen und damit ihre Gesundheit auf Spiel setzen, sind hier gemeint – ganz zu schweigen von den katastrophalen Auswirkungen auf die Umwelt…

Schülerflash: Aber was können wir als Schulgemeinschaft gegen diese andere, doch weitreichende Art der Diskriminierung tun?

Lehnerer: Bei den systemischen Fragen müssen wir es angehen, unsere Schule als einen Raum zu gestalten, in dem ganz bewusst versucht wird, die genannten Diskriminierungen zu vermeiden. Das heißt konkret: Über Verpflegung bei Schulfesten und Schulfahrten nachdenken, Müll vermeiden oder Wege zur Schule umweltfreundlicher gestalten. Hierbei muss jeder einzelne an unserer Schule mithelfen, denn nur das können wir nur gemeinsam bewältigen.

Schülerflash: Gibt es dazu Pläne, die in nächster Zeit umgesetzt werden und bei denen man sich einbringen kann?

Lehnerer: Aktuell müssen wir uns als SOR-SMC-Gruppe noch überlegen, in welche Richtung wir genau gehen wollen, also was uns wichtig ist und wie sich das dann im Schulleben niederschlagen soll. Frau Neuhold organisiert gerade eine Fund-Raising-Aktion, um etwas Geld zu sammeln. Damit wollen wir dann Workshops und Vorträge an unserer Schule finanzieren.

Ein Event steht aber schon sicher fest: Am 5.5. bei der „Blauen Nacht Nürnberg“ wird sich unsere Schule bei der Gemeinde St. Martha präsentieren. Dort gibt es Stände, Aktionen und Musik von den Folders. Es gab aber auch schon viele Aktionen und Veranstaltungen: Etwa den Vortrag von Maede Soltani, die Fotoausstellung über die Balkanroute oder die Stolpersteine beim Sommerfest, um nur einige davon zu nennen.

Übrigens üben die Folders gerade neue Stücke zu der Thematik Menschenrechte ein und wollen einige davon professionell aufnehmen. Sogar ein Musikvideo wollen sie drehen. Bis zum Sommerfest ist die Musik – und hoffentlich auch die CD – dann fertig.

Schülerflash: Herr Lehnerer, vielen Dank, dass sie sich für uns Zeit genommen haben. Wir hoffen, wir hören noch von vielen gelungenen Aktionen der „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“-Gruppe. Und gerade eine Schule wie das Hans-Sachs-Gymnasium sollte als moralische Vorbild dienen können, denn wir sind eine Schule ohne Rassismus, eine Schule mit Courage!